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Unsere kaputte Welt



Ein Hintergrundartikel zu Perro

Die ersten Pressemitteilungen zu Generation sind draußen, ich stöbere durch die Fülle an Filmen, die dieses Jahr auf der Berlinale gezeigt werden und versuche den kurzen Beschreibungen zu entlocken was sich wohl hinter ihnen verbirgt. Viele verschiedene Welten werden mir präsentiert, ich lese über „Los Lobos“, „Mignonnes“ und dann - „Perro“. „Perro und seine Großmutter fürchten um ihre Heimat im Süden Nicaraguas, die vom geplanten Bau des 300km langen „El Gran Canal“ bedroht ist. Der Dokumentarfilm begleitet den schweigsamen und naturverbundenen Jungen beim unabwendbaren Abschied von seinem alten Leben im Dschungel und seinem Neubeginn in der Stadt.“

Und ich frage mich: Na super, was haben wir Menschen jetzt schon wieder angestellt. Ein Kanal soll gebaut werden, eine Verbindung der Westküste Nicaraguas (Pazifik) mit der Ostküste (Karibik). Mist, denke ich, was macht Nicaragua da, schade um das zu Hause des Jungen. Und dann fange ich an zu recherchieren und muss mich korrigieren:

Schade um das Zuhause des Jungen, schade um das Zuhause weiterer geschätzter 119.999 Menschen, schade um die Heimat indigener Bevölkerungsgruppen, die da enteignet werden sollen, schade um den Nicaraguasee mit all seinen tierischen und pflanzlichen Bewohnern und seinem Trinkwasser (das größte Reservoir Nicaraguas!), um die Ökosysteme in dieser Gegend, um 400.000 Hektar Regenwald und Feuchtgebiete, um die gefährdeten Tapire und Geoffroy-Klammeraffen und Jaguare und all die anderen einheimischen Tierarten, um die Erhöhung des Flutrisikos, schade um die Orte, die dann mit Millionen Tonnen an Sedimentmüll umgehen müssen. Das haut rein.

Und noch einmal muss ich mich korrigieren: Mist, was macht Nicaragua da und vor allem aber: Mist, wir mit unserem Höher-schneller-weiter-alles-für-die-Wirtschaft, wir mit unserem Bestreben nach Macht und Geld. All dies hilft noch nicht einmal irgendeinem Menschen, der Nicaragua sein Zuhause nennt, auch wenn das theoretisch die Hoffnung des Projektes ist. Helfen tut es den großen Mächten dieser Welt, den Reichen und nun um genau zu sein einem chinesischen Oligarchen..
Schon um 1850 gibt es erste Pläne zum Bau eines Kanals, Rechte an Land und damit Menschenleben werden seit jeher vergeben, verkauft, verhandelt und es werden Verträge geschlossen, in denen nur diejenigen, die hohe Positionen inne haben, berücksichtigt werden. Absurdität zieht sich durch den gesamten Prozess:
Die USA wirft ein Auge auf den Kanalbau, Nicaraguas Regierung versucht mit anderen Ländern Bauverhandlungen zu führen, 1909 wird kurzerhand die (diktatorische) Regierung durch einen Militäraufstand abgesetzt und mit dem neuen Regierungschef gegen 3 Millionen US-Dollar ein ewiges Exklusivrecht zum Bau vereinbart (Aufhebung 1970). Nicht um wirklich einen Kanal zu bauen, sondern bloß um zu verhindern, dass dieser eine Konkurrenz zum (von der USA bewirtschafteten) Panamakanal werden könnte. Dann wird der Panamakanal zu klein und die Idee des „El Gran Canal“ entsteht. Ohne Konsultation der Bevölkerung oder ausreichende Machbarkeitsstudien und solchen zu Umweltauswirkungen und Finanzierungsfragen wird ein Gesetz zu Enteignungen in Nicaragua erlassen. Bewaffnete Gruppierungen besetzen für den Bau benötigte Gebiete und vertreiben Bewohner, beispielsweise das vom Aussterben bedrohte indigene Volk der Rama. Baurechte und Betriebsrechte für 100 Jahre, jedoch keine Verantwortung für ökologische oder ökonomische Folgekosten, gehen an die HKND aus Hong Kong. Umweltgutachten kommen nicht von unabhängigen Fachleuten sondern von der HKND-Group selbst. China darf nicht nur bauen und betreiben sondern auch noch Rohstoffe abbauen. 2014 wird der Baubeginn angekündigt, doch 3 Jahre später ist noch immer kein Fortschritt zu sehen. Der Sohn des nicaraguanischen Präsidenten soll das Ganze überwachen, doch die dafür ins Leben gerufene Kommission kommt einfach nicht mehr zusammen... Bereicherungen überall und ich sehe kein Ende der absurden Entscheidungen, auf die ich während der Recherche stoße.

Wie wir mit unserer Welt umgehen ist unglaublich. Es werden Projekte beschlossen, die so viel zerstören und die Betroffenen haben davon fast nichts. Diese Art zu denken und zu handeln ist so weit weg von der Realität, auf einer höheren Ebene spielen Menschen mit anderer Lebewesen Leben. Und das passiert nicht nur in Nicaragua, sondern überall. In Brasilien die Eisenerzmine „Córrego do FeijãoIch“, in Schweden der riesige Windpark (unter anderem auf Land der indigenen Sami), der Fehmarnbelttunnel zwischen Deutschland und Dänemark, um nur einige zu nennen.
Ich weiß, das ist nichts Neues, ich weiß, es hilft uns allen nicht weiter, sich einfach nur wütend und hilflos zu fühlen. Aber immer wieder zu verstehen und aufgezeigt zu bekommen wo was schief läuft und danach hoffentlich mit offeneren Augen durchs Leben zu gehen, ein Bewusstsein für Geschehen in der Welt zu haben und darüber nachzudenken, welche Produkte, welche Firmen, welche Politiker und welche Systeme ich unterstützen möchte, das ist so unglaublich wichtig und auch deshalb freue ich mich so sehr auf die 70. Berlinale und auf all die Dinge, die sie mir beibringen wird.



Die nächsten beiden Vorstellungen von Perro sind am:
Mittwoch, den 26.02. um 10:00 im Urania
Freitag, den 28.02. um 15:30 im Zoo Palast 1



Quellen:
https://www.berlinale.de/de/presse/pressemitteilungen/filme-generation.html
https://en.wikipedia.org/wiki/Bryan%E2%80%93Chamorro_Treaty
https://www.regenwald.org/petitionen/989/kein-kanal-durch-den-regenwald
https://www.welt.de/wirtschaft/article135660702/China-stillt-Rohstoffhunger-mit-diesem-Mega-Kanal.html
https://www.welt.de/wissenschaft/article128140421/Panamakanal-bekommt-gefaehrlichen-Konkurrenten.html
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-10/brasilien-schlammlawine-klage-tuev-sued-opfer
https://phys.org/news/2009-04-europe-biggest-farm-sweden.html
https://www.change.org/p/politicians-of-sollefte%C3%A5-municipality-don-t-build-wind-turbines-in-grundtj%C3%A4rn
https://de.wikipedia.org/wiki/Fehmarnbelttunnel#Kritik
Bildquelle: https://www.berlinale.de/de/programm/programm/detail.html?film_id=202001957&openedFromSearch=true#gallery_gallery-filmstills-3

25/02/2020, Carlotta

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