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Unfreiwilliger Aufbruch

Krabben am Strand fangen und ihnen eine Sandhöhle bauen. Barfuß durch den Regenwald ziehen und den Schlamm unter den Füßen spüren. Auf Palmen klettern und die Kokosnüsse herunterstoßen. Sowohl in der Schule als auch bei der Hilfsarbeit lernen.
Für Perro und seine Freunde gibt es so einiges, womit sie sich die Zeit vertreiben können. Sie haben Spaß in der Schule und genießen ihre Freizeit. Doch zwischen den ruhigen Szenen die allgegenwärtige Drohung: Der Nicaragua-Kanal wird kommen und mit ihm tausende Enteignungen, die auch vor Perros Familie und denen seiner Freunde nicht Halt machen werden.

Lin Sternals Langfilmdebüt Perro fängt am Beispiel des jungen Protagonisten Perro (Joshua McCree) die Situation vieler Bewohner*innen Nicaraguas ein. Obwohl das Bauprojekt bis dato nur in Planung ist und der erste Spatenstich wenn überhaupt wohl erst in unabsehbarer Zukunft fallen wird, werden Familien entlang der geplanten Route enteignet und aus dem Dschungel in die Städte vertrieben.

Behutsam und mit Auge fürs Detail fängt Perro ein, wie sehr der Junge den Dschungel liebt. Er ist es, der barfuß durch den Matsch läuft, der auf die Kokosnusspalmen klettert, die Krebse eigenhändig fängt, dem der Hund zutraulich durch den Dschungel folgt. Die späteren Ausschnitte aus dem Stadtleben sind ein harter Kontrast. Es ist ein Ort, an den Perro nicht zu gehören scheint. Es ist ungleich voller und von der Natur ist kaum noch eine Spur. Immerhin der Meerblick bleibt ihm.
Viel gesprochen wird nicht, zumindest nicht von Perro selbst. Vielmehr ist es die Kamera, die den Blick auf die wichtigen Dinge lenkt. Statt auf long shots wird auf Nahaufnahmen gesetzt. Cinematographin Julia Hönemann schafft es, sowohl Perro selbst als auch seinen Blickwinkel einzufangen. Es ist, als würde der Blick des Zuschauers wie die Augen eines Kindes im Raum umherspringen und sich für einige Momente an einem Objekt oder einer Person festhalten, ehe sich die Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwendet. In der Kirche lauschen wir den Erwachsenen, wie sie sich über den Nicaragua-Kanal Sorgen machen, während der Bildausschnitt von einem Kreuz über Perro bis hin zu anderen abgelenkten Kindern in den Armen ihrer Eltern oder Geschwister schweift. Mehrfach macht es den Anschein, dass die Kamerafrau allein mit Joshua unterwegs ist und unmöglich noch jemand anderes, geschweige denn ein ganzes Filmteam dabei sein kann.

Wieder einmal sind es nur die Erwachsenen, die sich Sorgen machen. Mit den Kindern wird kaum gesprochen. Sie bekommen nur am Rande mit, dass ihre Eltern und Großeltern sich Sorgen machen. Dass die Gebete dringlicher werden, dass mehr und mehr Familien verschwinden. Dass vieles sich ändert. Doch niemand klärt sie auf. Perros Großmutter, die sich so liebevoll um ihn kümmert und ihm alles Mögliche beibringt, bedenkt vor allem ihren Enkel in ihren Gebeten und wünscht sich eine gute Zukunft für ihn. Doch nicht einmal sie erklärt Perro, was demnächst geschehen wird.

Die zeitlichen Übergange sind fließend. Eine klare Vorstellung, wieviel Zeit zwischen zwei Szenen vergangen ist, hat man nicht, aber das scheint auch nicht wichtig zu sein. Vermutlich fühlt es sich etwa so für die enteigneten Nicaraguaner an: Man weiß nicht genau, wann die letzten Nachbarn weggezogen sind oder wann es überhaupt mal wieder Neuigkeiten über den Kanal gegeben hat. Alles zieht sich, es gibt nichts Konkretes.
Auch Musik gibt es selten, doch vor allem bei Perros Umzug in die Stadt wird sie deutlich und baut sich auf. Doch auch die Musik ist schlicht, nicht viel mehr als eine Handpan, die versucht, die Gefühlswelt des stillen Jungen wiederzuspiegeln.

Perro ist ein gelungenes und mutiges Portrait, das die derzeitige Lage in Nicaragua einfängt und auf die Missstände im Land aufmerksam macht. Wer nach einem spannungsgeladenen Film sucht, ist bei dieser Dokumentation vielleicht nicht ganz richtig. Allerdings würde ich Perro jedem ans Herz legen, der für 80 Minuten in eine uns völlig fremde Welt eintauchen und einen Jungen auf einer Reise begleiten möchte, die so unfair scheint und die er dennoch ohne sich je zu beschweren antritt.

Weitere Vorstellungstermine bei der Berlinale:
23.02. 09:30 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain
26.02. 10:00 Uhr, Urania
28.02. 15:30 Uhr, Zoo1
22.02.2020, Johanna Gosten

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